Mittwoch , 16 August 2017
Motorradfahren im Stehen verboten? Ordnungswidrigkeit oder sogar strafbar?

Motorradfahren im Stehen verboten? Ordnungswidrigkeit oder sogar strafbar?

So manch ein Motorradfahrer verspürt gerade auf längeren Touren unter Umständen das Bedürfnis, das Motorrad kurzfristig im Stehen zu bewegen. Das ist grundsätzlich auch nachvollziehbar. Dem gesetzestreuen Verkehrsteilnehmer drängt sich jedoch die Frage auf, ob dieses Verhalten im Straßenverkehr überhaupt erlaubt ist.

Manche behaupten einfach, ein Verbot stünde nirgendwo, also sei Motorradfahren im Stehen ganz klar erlaubt. Das sehen andere völlig anders und behaupten voller Überzeugung, man mache sich strafbar wegen einer Straßenverkehrsgefährdung (§ 315c StGB) oder gar wegen eines gefährlichen Eingriffs in den Straßenverkehr (§ 315b StGB). Schließlich hätte ein Motorrad nur Sitz- und keine Stehplätze.

Fest steht: eine Vorschrift, die das Motorradfahren im Stehen explizit sanktioniert, gibt es nicht.

Strafbar?

Der Tatbestand des “gefährlichen Eingriffs in den Straßenverkehr” setzt unter anderem voraus, dass der Verkehrsteilnehmer die Sicherheit des Straßenverkehrs dadurch beeinträchtigt, dass er

  1. Anlagen oder Fahrzeuge zerstört, beschädigt oder beseitigt,
  2. Hindernisse bereitet oder
  3. einen ähnlichen, ebenso gefährlichen Eingriff vornimmt

Unter diesen Tatbestand kann man wohl nicht das Motorradfahren im Stehen subsumieren. Ein ähnlicher, ebenso gefährlicher Eingriff im Sinne des § 315b I Nr. 3 StGB nimmt derjenige vor, dessen Verhalten zwar kein Zerstören, Beschädigen oder Beseitigen im Sinne der Nr. 1 beziehungsweise Hindernis-Bereiten im Sinne der Nr. 2, aber im Ergebnis ebenso gefährlich ist. Auch Verkehrsvorgänge des fließenden Verkehrs können einen Eingriff darstellen. Unter diese Eingriffe fallen beispielsweise das Abschneiden des Weges oder etwa das Provozieren eines Auffahrunfalles. Zudem ist für alle Alternativen der Norm nach überwiegender Auffassung mindestens bedingter Schädigungsvorsatz erforderlich. Dies wird man Motorradfahrern, die das Motorrad im Stehen fahren, wohl nicht unterstellen können.

Auch macht man sich nicht einer “Gefährdung des Straßenverkehrs” schuldig. § 315c Abs. 1 Nr. 2 StGB fordert unter anderem den Verstoß gegen eine der sog. sieben Todsünden des Straßenverkehrs:

  1. die Vorfahrt nicht beachtet,
  2. falsch überholt oder sonst bei Überholvorgängen falsch fährt,
  3. an Fußgängerüberwegen falsch fährt,
  4. an unübersichtlichen Stellen, an Straßenkreuzungen, Straßeneinmündungen oder Bahnübergängen zu schnell fährt,
  5. an unübersichtlichen Stellen nicht die rechte Seite der Fahrbahn einhält,
  6. auf Autobahnen oder Kraftfahrstraßen wendet, rückwärts oder entgegen der Fahrtrichtung fährt oder dies versucht oder
  7. haltende oder liegengebliebene Fahrzeuge nicht auf ausreichende Entfernung kenntlich macht, obwohl das zur Sicherung des Verkehrs erforderlich ist

Eine solche ist hier aber offensichtlich nicht betroffen. Auch § 315c Abs. 1 Nr. 1 StGB scheidet aus, von den übrigen Voraussetzungen mal ganz abgesehen.

Strafbar macht man sich jedenfalls nicht.

Ordnungswidrigkeit?

In Betracht kommt allenfalls eine Ordnungswidrigkeit. Wann eine solche vorliegt, bestimmt § 49 StVO. Dort sind unter anderem zwei Vorschriften genannt, die auch das Motorradfahren im Stehen betreffen könnten.

§ 23 Abs. 3 StVO (Sonstige Pflichten des Fahrzeugführers)

(3) Radfahrer und Führer von Krafträdern dürfen sich nicht an Fahrzeuge anhängen. Sie dürfen nicht freihändig fahren. Die Füße dürfen sie nur dann von den Pedalen oder Fußrasten nehmen, wenn der Straßenzustand das erfordert.

Anders gewendet: Steht man auf dem Motorrad, ist die Vorschrift dem Wortlaut nach noch nicht verletzt, vorausgesetzt, man fährt nicht freihändig und die Füße bleiben auf den Fußrasten. Zu einem anderen Ergebnis könnte man kommen, wenn man den Sinn und Zweck dieser Regelung berücksichtigt: Showeinlagen im Straßenverkehr sind zu unterlassen. Vor diesem Hintergrund erscheint eine Ordnungswidrigkeit wegen § 23 III StVO zumindest fraglich.

§ 1 StVO (Grundregeln)

(1) Die Teilnahme am Straßenverkehr erfordert ständige Vorsicht und gegenseitige Rücksicht.

(2) Jeder Verkehrsteilnehmer hat sich so zu verhalten, daß kein Anderer geschädigt, gefährdet oder mehr, als nach den Umständen unvermeidbar, behindert oder belästigt wird.

Gefährdet man andere Verkehrsteilnehmer, wenn man das Motorrad im Stehen fährt? Der geübte Endurofahrer wird einwenden, dass er sein Motorrad auch im Stehen noch sicher im Straßenverkehr bewegt. Dem Otto-Normal-Motorradfahrer könnte diese Übung jedoch unter Umständen fehlen. Auch kommt es auf die Situation und Verkehrslage an. M.E. läuft man zumindest Gefahr, dass ein Polizist an Ort und Stelle einen Verstoß gegen § 1 II StVO annimmt.

Fazit:

Motorradfahren im Stehen macht Spaß und hat mancherorts auch durchaus seine Berechtigung. Strafbar macht man sich nicht. Man setzt sich aber der Gefahr aus, eine Ordnungswidrigkeit zu begehen.

Viel wichtiger ist allerdings folgende Überlegung:

Sollte man -wenn auch unverschuldet- in einen Unfall verwickelt sein und es im Anschluss hieran sogar zu einem Rechtsstreit kommen, muss man damit rechnen, dass ein etwaiger Schadensersatzanspruch wegen Mitverschulden gemindert wird. Unter Umständen muss man sich den Vorwurf gefallen lassen, dass man sein Motorrad im Sitzen sicherer bewegt und einen Unfall möglicherweise vermieden hätte.

Über JR

Leidenschaftlicher Motorradfahrer, LawBike.de Betreiber

13 Kommentare

  1. Interessante Betrachtung, darüber habe ich mir ehrlich gesagt nie Gedanken gemacht.

    Danke für die Aufklärung.

  2. Ja hallo, gehts noch?
    JEDER Motorradfahrer weiß – zumindest aus dem Verkehrsunterricht, dass beim Stehen der Schwerpunkt von der Sitzbank auf die Fußrasten wandert und somit das Motorrad sicherer zu händeln ist. Daher wird dies von uns Endurofahrern offroad meist genutzt.
    Aber auch im Straßenverkehr ist das Fahren im Stehen hilfreich und sicherer – vorausgesetzt man hat die Beine fest am Tank – z.B. in Schotterbaustellen oder auf den öffentlichen Sand- und Schotterwegen z.B. in Mecklemburg-Vorpommern oder Holland.

  3. @offroadbiker

    Wir sind uns da einig. Das mit dem Fahren im Stehen hat durchaus seine Berechtigung, wie auch oben im Beitrag angesprochen. Gerade im Offroadbereich und da ganz besonders -und ohne StVO 😉

    Im Straßenverkehr ist es halt so eine Sache… da kommt es ganz auf den Einzelfall an. Auch dort kann Fahren im Stehen situationsbedingt (Baustellen, schlechte Straße oder was auch immer) ganz sinnvoll sein. Dann wird auch kein anderer gefährdet.

  4. Sehr interessanter Bericht, finde ich! Aber wenn das Fahren im Stehen jetzt auch noch verboten wäre oder sogar einen Straftatbestand erfüllte, würde mir bald nichts mehr einfallen. An den Haaren herbeigezogen, um den schlimmen Motorradfahrern wieder eins reinzuwürgen? Viele “Normalfahrer” belegen sogar Enduro-Kurse, um ihr Fahrzeug im Straßenverkehr sicherer und kontrollierter zu bewegen. Ohne Endurist zu sein.
    Andere Frage: Was wäre denn dann mit Fahrradfahrern, die sich aus dem Sattel heben, um leichter eine Steigung hinauf zu kommen?
    Wünsche allen einen schönen Tag.

  5. Mich haben sie deswegen schon mal angehalten. Bin vollgas mit Moped und im stehen an einet Disco vorbei. Und da waren sie dann, die Ordnungshüter. Es war aber nur eine Verwarnung.

  6. @Marion

    Naja, also der Fahrradfahrer, der sich mal eben aus dem Sattel hebt, begeht keine Ordnungswidrigkeit, zumal im Sinne von § 23 III Satz 3 StVO Füße und Hände bleiben, wo sie sind. Zudem ist es sogar erlaubt, “wenn der Straßenzustand es erfordert”, die Füße von den Pedalen/Fußrasten zu nehmen.
    Das betrifft alle Zweiradfahrer, wie § 23 III StVO klarstellt.

    Die Straftatbestände (§ 315b,c StGB) liegen schon vom Tatbestand nicht vor (an sich völlig abwegig).

  7. @JR
    Ich meinte damit auch nur: Wo ist der Unterschied zwischen dem Fahrradfahrer, der sich mal eben aus dem Sattel hebt und dem Motorradfahrer, der sich (mal eben) aus dem Sitz erhebt. Bisher habe ich noch keinen “im Stehen fahrenden Motorradfahrer” gesehen, der auch noch die Hände vom Lenker löst und in die Luft streckt. Das wäre was, was die Sache vielleicht zur Gefahr werden ließe. Alles ist dort, wo es hingehört. (Hände am Lenker, Füße auf den Rasten.) Außer dem Poppes.

  8. Mal eine andere Frage:
    Wird das denn überhaupt wirklich ein Thema oder war das “Fahren im Stehen” nur irgendwo mal so ein Stammtischgespräch? Dann würde unsere Diskussion hier “einige Bestimmte” erst richtig auf eine Idee bringen, was nicht nötig ist.

  9. Eher ein Stammtischgespräch, aber die Frage taucht zum Beispiel auch in dem einen oder anderen Forum auf.

    Hier wird keiner auf die Idee gebracht. 😉 Im Grunde ist ja maximal § 1 II StVO berührt und der ist so schwammig, dass eine Gefährdung auch begründet werden muss – wie oben angesprochen. Ansonsten ginge das ja auch deutlich zu weit :-)

    Interessanter ist vielmehr die Frage des Mitverschuldens!

  10. Wo soll das hinführen? Ein Mitverschulden kann man in jeder Kleinigkeit finden, wenn man danach sucht. Naja, wenn mir nach länger Fahrt das Knie weh tut, strecke ich das Beinchen auch mal aus. Wobei das sich nicht harmloser ist, als Hinstellen. Und jetzt erhebe ich mich… vom Bürostuhl. 😉

  11. Bin vorgestern 800 km gefahren und musste einfach hin und wieder auf der Autobahn im stehen fahren.

    Irgendwann tut einem einfach der Arsch weh oder er tut einschlafen, wie auch immer man das nennen möchte, auch die ständig angewinkelten Beine fühlen sich irgendwann komisch an.

    1 Minute im stehen fahren bringen dir weiterhin 30 Minuten fahren ohne Beschwerden ein, einfach weil alle Körperteile wieder ordentlich mit Blut versorgt sind und sich alle Gefässe wieder ausdehnen konnten.

    Sehe auch keine Gefahr, habe beide Hände am Lenker, stehe aufrecht, kann lenken, bremsen, Gas geben/wegnehmen etc..

    Schaut halt nur spektakulär aus für die Autofahrer, ist es aber dank der Kreiselkräfte nicht!

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