Dienstag , 17 Oktober 2017
Motorradunfall: Fahren ohne Motorradschuhe – Mitverschulden bei Unfall?

Motorradunfall: Fahren ohne Motorradschuhe – Mitverschulden bei Unfall?

Das Oberlandesgericht Nürnberg hatte über einen Motorradunfall zu entscheiden, bei welchem ein Motorrad mit einem PKW kollidierte und der Motorradfahrer ohne Motorradstiefel bzw. Motorradschuhe unterwegs war.

Der Fall:

Die Motorradfahrer befuhr eine Straße, auf welcher sich auf der rechten Seite Parkbuchten befanden. Ein PKW-Fahrer wollte rückwärts von einer solchern quer zur Fahrbahnrichtung angeordneten Parkbucht auf die Fahrbahn ausparken, wobei aufgrund eines neben diesen Pkw geparkten größeren Fahrzeugs eine Sichtbehinderung vorhanden war. Bei der Rückwärtsfahrt auf die Straße kam es zur Kollision mit dem Motorrad. Der Unfall der eignete sich so, dass der hintere Stoßfänger des PKW´s das Motorrad auf der rechten Seite im vorderen Bereich traf, wobei die Kollision an diesem Stoßfänger eine Öffnung mit scharfer Kante verursachte, an welche der Motorradfahrer mit seinem rechten Fuß geriet. Der Motorradfahrer war bekleidet mit einem Motorradhelm, einer Motorradjacke, Motorradhandschuhen sowie einer Arbeitshose und Sportschuhen. Der Motorradfahrer erlitt so schwere Fussverletzungen, dass eine distale Unterschenkelamputation am rechten Bein erfolgen musste.

Das zuerst mit dem Fall befasste Landgericht urteilte nach Einholung eines Sachverständigengutachtens eine Haftungsquote von 100 % zulasten des Autofahrers aus. Der beklagte Haftpflichtversicherer vertrat jedoch die Auffassung, dass sich der Motorradfahrer einen erhebliches Mitverschulden gegen sich selbst entgegenhalten lassen müsse, da er bei dem Unfall keine Motorradstiefel sondern lediglich leichte Sportschuhe getragen habe. Er vertrat die Auffassung, dass die Ansprüche des Motorradfahrers um mindestens 50 % zu kürzen seien und legte Berufung ein.

Die Entscheidung:

Das Berufungsgericht wies jedoch die Berufung in vollem Umfang zurück und bestätigte damit die 100%ige Haftung des Autofahrers.  Es berief sich darauf, dass -im Gegensatz zur Helmpflicht- eine gesetzliche Vorschrift zum Tragen von Motorradstiefeln nicht existiere. Das OLG vertrat die Auffassung, dass in der motorradfahrenden Bevölkerung kein allgemeines Verkehrsbewusstsein dahingehend zu erkennen sei, zum eigenen Schutz Motorradschuhe zu tragen.

Es konkretisierte seine Auffassung dahingehend, dass nicht ersichtlich sei auf welche Art von Motorradschuhen sich ein solches Bewusstsein beziehen solle; zumal Motorradschuhen bzw. -stiefel aus verschiedene Materialien wie dickem oder dünnem Leder,  Lederimitat, Kevler, etc. hergestellt sein könnten und zusätzlich in bestimmten Bereichen (Zehen, Knöchel) durch Plastik oder Metallteile verstärkt sein könnten. Möglicherweise könnte die Schutzfunktion auch durch andere Schuhe wie zum Beispiel Arbeitsschuhe oder hohe Wanderschuhe erfüllt sein, so dass diese Vielfalt gegen ein allgemeines Verkehrsbewusstsein zum eigenen Schutz bei Schuhen spreche.

Quelle: Beschluss des OLG Nürnberg vom 09.04.2013, AZ 3 U 1897/12

Fazit:

Hohe Wanderschuhe beim Motorradfahren? Oder Arbeitschuhe?

Im Sommer sehe ich sehr oft Motorradfahrer auf schweren Maschinen mit kurzen Hosen (!) und leichten Turnschuhen. Wenn ich mal die Zeit zum Motorradfahren habe, bevorzuge ich aktuelle Schutzkleidung aus schwerem Leder, versehen mit Protektoren an allen wichtigen Stellen. Dazu gehören für mich auch moderne Motorradstiefel aus dickem Material und entsprechende Schutzhandschuhe, ebenfalls mit Protektoren. Ich möchte mich nicht darauf verlassen, dass es ein OLG-Urteil gibt, welches kein Mitverschulden bei einem -vergleichbaren- Unfall mit leichtem Schuhwerk ansetzt; mir ist meine Gesundheit wichtiger.

Quelle des Artikelbildes: www.he-supermotard.com

Über RA Schlemm

Rechtsanwalt Romanus Schlemm ist als Fachanwalt für Verkehrsrecht in der Kanzlei Gärth-Martin Steuerberater Rechtsanwalt PartGmbB in Wetzlar in den Rechtsgebieten Verkehrsrecht und Baurecht tätig. Webseiten: www.geblitzt-was-tun.de; www.oldtimer-recht.de; www.gaerth-martin.de

4 Kommentare

  1. Ich sehe auch immer wieder Motorradfahrer, hauptsächlich auf (Super-)Sportlern, die in kurzer Hose und/oder T-Shirt fahren. Ich habe sogar schon einen mit Schlappen gesehen, was sonst wohl eher zu den Rollerfahrern passt. Ich sah sogar mal eine Sozia mit Minirock und Pumps…
    Das alles stößt bei mir auf Unverständnis!
    Ich selbst trage zwar kein Leder sondern Textil, passt halt besser zu ‘nem Tourer, aber Stiefel gehören für mich dazu. Keine speziellen Motoradstiefel, denn die sind zum Großteil für das Sitzen in sportlicher Haltung geschnitten, ich trage meine guten alten BW-Kampfstiefel. Die sind bequem, meiner aufrechten Sitzhaltung angepasster und haben zusätzlich noch den Vorteil, dass ich auch mal absteigen und ein paar Meter wandern kann.
    OK, das ganze hat einen Haken: Das Textil ist wasserdicht, die Stiefel irgendwann nicht mehr…
    Geeignetes Schuhwerk gesetzlich festzulegen ist, bei den vielen möglichen Kombinationen natürlich schwierig. Aber vielleicht könnte man offene Schuhe ggf. auch Halbschuhe generell verbieten.
    Mein Fahrlehrer hätte mich auch ohne anständiges Schuhwerk nicht fahren lassen. Ich gehe davon aus, dass jeder vernünftige Fahrlehrer das genauso handhabt. Von daher sollte man eigentlich welche haben.

  2. Gesetze, Vorschriften hin oder her ….
    Die eigene Gesundheit ist sehr kostbar. Man muss sich schon bewusst sein das “normale” Kleidung nur extrem geringen Schutz bietet. Von T-Shirts und kurzen Hosen möcht ich gar nicht erst sprechen, jeder weiß es …..
    Wenn Gerichte in dieser Hinsicht generell umdenken und der Eigenverantwortung sehr viel mehr Gewicht hinzufügen, würde es mich nicht wundern. Wer sein Schicksal dennoch herausfordern will, bewusst oder auch kopflos muss garantiert in Zukunft beim Schaden, noch zusätzlich einen finanziellen Verlust ohne Geschrei ertragen ….

  3. Grundsätzlich fahre ich nur mit Motorradschutzkleidung, d.h. für mein Tourenmotorrad eher passend wasserdichte Textilbekleidung inkl. Motorradschuhe. Das halte ich im Grunde auch ein.

    Gelegentlich aber, das muss ich offen zugeben, ertappe ich mich dabei, wie ich kürzere Erledigungen (Besorgungen um die Ecke) zwar mit Motorradjacke, aber nur mit einer Jeans erledige. Gerade bei heißen Temperaturen. Sicher bequem und lässig, aber wenn der Unfall gerade dann passieren sollte, schaut man blöd aus der Röhre. Selbst schuld, würde ich dann sagen.

    Auf völliges Unverständnis stoßen bei mir Fahrer, die mit kurzer Hose durch den Stadtverkehr düsen. Das passt dann gar nicht mehr. Wobei man ehrlicherweise sagen muss, dass man bei einem Sturz mit einer Jeans auch nicht besser dran ist.

    Es ist wie es ist: wer Motorrad fährt, sollte auch stets passende Kleidung tragen – das hat schon seinen Sinn.

  4. Interessantes Urteil! Wenn ich mit dem Motorrad unterwegs bin, dann immer mit meiner Lederkombi und passenden Motorradstiefeln. Ohne geht gar nicht. :)

    Kurze Strecken fahr ich so gut wie nie mit dem Möppi. Bin aber auch schon mit Jeans gefahren :(

    Liebe Grüße aus der Pfalz!

    Meli

Hinterlasse einen Kommentar zu Sven Antwort abbrechen

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.Benötigte Felder sind markiert *

*